Alpen-Bergmannsstolz: Die mit den Schwertern tanzen

Tradition in Gastein beim Schwerttanz Böckstein

In den Alpen scheint die Zeit immer ein wenig entspannter zu gehen. Das war aber nicht immer so: Jahrhundertelang schürften im Gasteiner Tal kräftige Männer im Berg nach Gold. Zu sehen ist das jedes Jahr genau einmal in einer lebendigen Tradition: Dem Schwerttanz der Knappen in Altböckstein.

Kaum irgendwo scheint das Leben so idyllisch wie im Gasteiner Tal im Spätsommer: Warmes Sonnenlicht fällt mild und schräg auf Bergrücken, es ist Zeit für Wanderungen in lauer Luft und letzte Radler-Bestellungen auf den Wirts-Almen… Da scheint es, vom Jahr 2017 aus betrachtet, direkt verwunderlich, dass das Dasein hier früher mal ganz besonders beschwerlich war. Und das nicht nur bei der Arbeit auf Bergbauernhöfen – sondern tief im Berg: Die Alpen waren hunderte Jahre lang Bergbaugebiet.

Aber natürlich war das damals auch ein wenig anders als heute. Hier ging’s nicht um Kohle – sondern tatsächlich vor allem um Gold. Der deutsche Alpinist Adolf Schaubach nannte die „Goldberggruppe“ ums Gasteiner Tal um 1850 sogar ein früheres „Eldorado“. Zu Tage gefördert wurde das Edelmetall nicht industriell mit Fördertürmen, sondern in harter Handarbeit in schmalen Stollen. Ein paar letzte Erinnerungen daran gibt es: Zum Beispiel im Schwerttanz, der jedes Jahr genau ein einziges Mal aufgeführt wird. Am ersten Sonntag im September in der Montansiedlung Alt-Böckstein.

Dorfidylle in Altböckstein bei Gastein

Schon die Häusergruppe mit dem altmodisch anmutenden Wort „Montan“ im Namen ist ein interessanter Ort: Mitten im 18. Jahrhundert ersannen die Ingenieure und Architekten hier ein Werksdorf – alles, um das wertvolle Gold effizienter zu verarbeiten und in rauen Mengen (meist) nach Salzburg zu schaffen. Und weil die Zeit hier ein wenig früher stehen blieb, sind die Gebäude keine Industriemoloche. Sondern alpenländische Häuser mit Naturstein und Holzverkleidung – Waschhaus, Direktionsgebäude und Co. stehen noch heute.

Das Schwert mehr als ein schickes Gimmick

Genau hier tritt auch jene Gruppe auf, die die Erinnerung an die Bergleute wachhalten will. 1979 hat sich die Schwerttanzgruppe gegründet; zum 39. Mal hat sie 2017 ihren Tanz aufgeführt, im mit goldenen Knöpfen versehenen schwarzen Bergkittel der Knappen: Zunächst findet auf der eigens aufgebauten Bühne vor der Bergkulisse ein „Hereinrufungsspiel“ statt, in dem unter anderem ein Schallnarr sein Unwesen treibt.

Böcksteiner Knappenfest

Dann folgt der eigentliche Höhepunkt: Die elf Knappen-Darsteller kreuzen und entwirren ihre Schwerter, schließlich heben sie den Hauptmann auf den Schwertern über ihre Köpfe. Dass die Waffen eine so große Rolle spielen ist natürlich keine Willkür: Die Knappen durften seit 1405 Schwerter tragen – weil schon ihr Arbeitsweg so gefährlich war. Denn in den Bergen einem Bär oder Wolf zu begegnen war damals nichts besonders Außergewöhnliches.

Natürlich bedeutet es einiges an Arbeit, die komplizierte Choreographie zu lernen und zu perfektionieren. Warum die Einheimischen das trotzdem gerne tun? Max Steinbauer, der 2017 einen der elf Knappen gespielt hat, erklärt es so:

„Als traditionsbewusster Einheimischer ist man stolz eines Vereins angehören zu dürfen, der mit der Geschichte Bad Gasteins bzw. Böcksteins sehr viel zu tun hat. Erstens ist Brauchtumserhaltung und Tradition sehr wichtig, zweitens ist die Mitgliedschaft im Verein eine tolle Sache – die Kameradschaft wird großgeschrieben. Das ist es, was uns alle gerne zu Knappen macht. Das Traditionsfest jeden ersten Sonntag im September ist mittlerweile fast Kult geworden, im Anschluss der Aufführung wird im Festzelt beste Stimmung bis spät in die Nacht geboten.“

Max Steinbauer beim Böcksteiner Schwerttanz in Gastein
Max Steinbauer von der Böcksteiner Schwerttanz-Gruppe

Mehr als „nur“ Gold

Für Zuschauer gibt es am Veranstaltungstag übrigens auch ein Festzelt. Und mit der Knappenmusik-Kapelle Böckstein auch einen musikalischen Einblick in die Traditionen der Region.

Auch wer es nicht im September zum buchstäblich sehr einmaligen Schwerttanz-Event schafft, kann guten Gewissens einen Abstecher nach Alt-Böckstein einplanen. Von Mai bis Oktober ist das Montanmuseum geöffnet – und dort ist auch zu sehen, wie das Goldschürfen früher ganz praktisch funktioniert hat. Samt alter Golderzaufbereitungsanlage und Rundgang durch das historische Kraftwerk. Für Kinder gibt’s Goldschürf-Workshops.

Ziemlich erstaunlich ist auch, wie viele verschiedene Schätze die Berge des Gasteinertals wirklich bereit halten. Denn mit dem Gold ist es nicht getan: Ausgestellt sind im Montanmuseum zum Beispiel auch Bergkristalle, die hier gefunden wurden. Und gerade die Kristalle sind für viele Besucher auch heute noch faszinierend: Ein eigener Museums-Abschnitt widmet sich dem Kapitel „Kristalle und Energien“. Das mag dann ein letzter Beweis sein, dass die Gegend eine besondere Magie hat – nicht nur im Spätsommer.

Copyright Text & Fotos: Nadin Brendel, Laurence Strasser & Matthias Pillwein für Studio5640.com

Mit nur 23 Jahren startete Nadin Brendel ihre Karriere im Musikbusiness als Europa’s jüngste Bookingagentin und Tourmanagerin von GrammyAward-nominierten Bands wie Arcade Fire, Broken Social Scene oder Death Cab For Cutie. Nach über 10 Jahren unermüdlichem Einsatz und zahlreicher Auszeichnungen, sehnte sie sich nach „Less Noise, More Quiet“ und zog 2015 von Berlin ins „Berlin der Berge“ – in den österreichischen Kurort Bad Gastein. Dem Charme der Stadt erlegen, gründete sie das Kreativbüro Studio5640 und betreut zusammen mit Kreativen aus Nah und Fern inspirierende Projekte und Kunden in den Bereichen Kommunikation, Design & Interior – mit Fokus auf Fotografie, Pressearbeit, Branding, Social Media, Design, Marketing und Webdesign.

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