Ein Ofen mit Ausblick: Brotbacken auf 1.200 Meter

Brotbacken mit Ausblick in Gastein

Manchmal ist langsam am schönsten: Gutes Essen gehört zum Urlaub. Aber richtig besonders wird es erst, wenn man selbst Hand anlegt. Und etwas über die einfachen, wichtigen Dinge lernt. Beim Brotbacken zum Beispiel. Zumal, wenn es dazu noch einen spektakulären Ausblick gibt.

Man kann ja viele feine Sachen essen – gerade im Urlaub. Es soll schließlich sogar Menschen geben, die vor allem dem Gaumen nachreisen. Zu Pizza und Pasta. Oder zu Kaiserschmarrn und Craftbier. Aber, wie das so ist, im Leben… Manchmal stellt sich heraus, dass alles noch ein bisschen besser wird, wenn man es mal von einer anderen Seite betrachtet und probiert. Dann kann sich zum Beispiel herausstellen, dass die beeindruckendste Mahlzeit selbstgemacht und nicht vom Kellner serviert wird. Oder dass sie einfach aus Brot bestehen kann. Ja, ganz ernsthaft: Brot.

„Selbstmachen“ und „Brot“… Das klingt womöglich eher öde. Nach Öko und Spar-Diät. Vielleicht sogar nach harter, nerviger Arbeit. Das ist aber gar nicht so. Zumindest nicht am richtigen Ort. Auf 1.200 Meter Brot backen, im offenen Steinofen und mit Bergblick, das zum Beispiel ist nicht harte Arbeit. Sondern ein ziemlich starkes Erlebnis. Für die ganze Familie. Auf der Amoseralm auf der westlichen Talseite Dorfgasteins gibt’s genau das jede Woche: Kinder-Brotbacken. Jeden Donnerstag von Mai bis Mitte Oktober pünktlich um 12.00 Uhr nämlich.

Amoseralm Dorfgastein

Ausblick von der Amoseralm
Ausblick von der Amoseralm

Mit ein bisschen „Arbeit“ fängt der kulinarische Perspektivwechsel gleichwohl durchaus an. „Arbeit“ im schönsten Sinne aber: Vom Ortsteil Unterberg aus braucht es so ungefähr eine Stunde Fußweg, um auf die Amoseralm zu kommen. Übertrieben schweißtreibend ist der Weg mit seinen kleinen Wasserfällen aber nicht – notfalls geht’s über den gut ausgebauten Forstweg. Problemlos übrigens auch mit dem Mountainbike, wie ich mir habe sagen lassen. Auch, wenn das nicht mein Fortbewegungsmittel der Wahl ist. Mit Kindern kürzt man den letzten Teil der Strecke über den Bärenwanderweg ab, vorbei an “Bärenhöhlen” und Wasserspielplätzen.

Mit beiden Händen im Grundnahrungsmittel

Oben warten– so oder so – die Sennerin Uschi und Almwirt Christian Zehentner auf die kleinen Brotbäcker. Und was immer man über das Leben auf einer Alm denken mag, ob man es nun für einen wahren Traum hält, oder eher eine nur in kleinen Dosen erträgliche Einöde, eines muss wohl jeder Besucher eingestehen: Die beiden Almleute haben vermutlich den Ofen mit dem schönsten Ausblick Mitteleuropas. Denn der sticht als erstes ins Auge, schon auf der Almterrasse: Gebacken wird im schindelgedeckten Steinofen – und zwar eben nicht in der Küche, sondern im Freien. Hinter dem Ofen wandert der Blick übers Tal. Grüne Matten, fichtenbewachsene Hänge, schroffe Berggipfel – das komplette Bilderbuchprogramm.

 

Dann wandert die Aufmerksamkeit aber schnell weg von der Ferne – und hin auf den Holztisch vor der eigenen Nase. Denn es geht für die Kids auf Tuchfühlung mit dem fremden Wesen Lebensmittel: Der Brotteig kommt vorbereitet aus der Hütte – und muss erstmal geknetet werden. Mit beiden Händen im Grundnahrungsmittel… Auch das ist eine Erfahrung. Zumal in der Gruppe. Wenn echte Städter – beziehungsweise ihre Kinder – kneten, schnaufen, Teig drücken, während langsam auch in der Berghöhe der Mittag warm wird und dabei anfangen, der Sennerin Fragen zu Brotrezepten zu stellen, dann ist der Perspektivwechsel genauso mit Händen greifbar wie der Brotteig.

Übrigens geben Uschi und Christian sehr bereitwillig Auskunft über die Zutaten für ein gelungenes Bergbauernbrot. Nur soviel sei verraten: Große Hexerei ist der Schwarzroggen-Hefe-Sauerteig nicht – von der Bergluft einmal abgesehen, sind die Bestandteile eigentlich recht bodenständig.

Nächster Programmpunkt: Eine Pause zum Staunen. Die Brote der kleinen Almbesucher wandern für eine halbe Stunde in den Ofen, übers knackende und knisternde Feuer. Überhaupt, Geräusche: Bis auf das Feuer, die Gespräche der Almbesucher und ein paar Kuhglocken ist nichts zu hören, keine Störung. Fast ist mir, als könne ich dem Brot beim Fertigwerden lauschen. Eine Art wohliges, feines Zischen – oder vielleicht auch nur eine Einbildung.

Selbst Brotbacken: „JOMO!“

Erstaunlich ist jedenfalls alleine schon, dass dieser Moment gar nicht langweilig ist. Vielmehr ist er etwas, das sich nach echtem Urlaubserlebnis anfühlt. Nach einem, das nicht nur für Rentner und pflichtschuldige Eltern gemacht ist – sondern tatsächlich nach etwas, das sich eben beim gewöhnlichen Städtetrip oder beim Strandurlaub nicht bekommen lässt. Nach etwas, das bisweilen fehlt?

Natürlich ist so ein Eindruck etwas persönliches und auch immer eine Stimmungsfrage. Aber ganz alleine stehe ich mit dieser Empfindung vermutlich nicht da: Es gibt Studien, die einen Namen für einen zugehörigen Trend gefunden haben: „Social Cocooning“. Gemütlich und heimelig soll es mittlerweile für viele sein. Wenn man ständig mobil sein soll, immer etwas zu tun hat, immer vor Herausforderungen steht – dann ist es auch gut, wenn es mal still ist. Die Aufgaben überschaubar sind. Und zumindest eine kleine momentane Ahnung von „einfachem Leben“ zu fassen ist.

Almhuette in Gastein - Amoseralmstube

Amoseralmküche in Gastein

„JOMO“ ist ein anderes Schlagwort, das mittlerweile häufiger zu hören ist: „The Joy of Missing Out“. Zum Beispiel: Die wilden Parties in den Metropolen Parties und das Riverrafting Riverrafting sein lassen, während man Brotteig knetet. Erklären könnte man das Phänomen vielleicht in Anlehnung an den momentan recht populären Philosophen Tristan Garcia. Er erkennt „Intensität“ als Schlagwort unserer Zeit – alles muss heftig sein, ein krasses Erlebnis; intensiv eben. Und wo Intensität dominiert, gibt es eben auch eine Gegenbewegung.

Amoseralm Toilette Weiberleit

Auch aus diesem Blickwinkel betrachtet ist Brotbacken wohl eine schöne Alternative: Event genug, um Lust darauf zu bekommen. Aber auch unspektakulär genug, um dabei auszuruhen und ganz unintensiv Zeit vergehen zu lassen. All das: Gedanken, die einem kommen können, während man dem Brot beim Aufgehen lauscht.

Schließlich aber kommt, nach ungefähr 30 Minuten das zweite Erfolgserlebnis des Tages nach bewältigtem Aufstieg: Die Sennerin zieht die heißen, duftenden Laibe aus dem Ofen mit Blick. Und tatsächlich kann sich das Ergebnis der Arbeit sehen lassen. Es sind wirklich entzückende Brotlaibchen geworden. Die zudem dazu verlocken, ein Stück herauszureißen und reinzubeißen. Aber immer mit der Ruhe. Und erst einmal auskühlen lassen.

Manchmal sind es ja die banalen Erkenntnisse, die am meisten verblüffen: Brot kann man tatsächlich selber machen. Und es sieht besser aus, als das, was als standardisierter Rohling in den Backshops so verkauft wird. Selten ist ein Perspektivwechsel so entspannend – und eindrücklich.

Sonnenterrasse der Amoseralm in Gastein

Copyright Text & Fotos: Nadin Brendel für Studio5640.com

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