Der Eismann von Bad Gastein

Urban Ice Bad Gastein

Hinter guten Events stecken Menschen und das Angebot einer Region; in Bad Gastein sind es Sepp Inhöger und die Eisfälle: Spielplätze von Eiskletterern aus aller Welt. Das Urban Ice, am 26.01.2018 ist die logische Folge eines umtriebigen Einheimischen und seines Hobbys.

Mordor liegt in Bad Gastein

Sepp Inhöger kommt von einer Skitour zurück, als wir uns treffen. Er führt mich durch die Garage vorbei an 8 oder 10 paar Skiern in sein Haus; in der Stube rastet sein Sohn Seppi am Diwan. „Er war Eisklettern am Mordor“, erzählt Sepp Senior. „Mit 350 Metern ist er einer der größten und schönsten Eisfälle in Österreich.“ Mordor? Saurons Residenz? Traut man dem Namen, ist der Eisfall eine grausame Macht, die alles verschlingend unzählige Opfer fordert. So schlimm ist´s nicht. Doch mit 8 bis 10 Stunden knackiger Gehzeit und hohen Anforderungen an Mensch und Material ist der Schrecken Saurons ein treffender Namensgeber. Ich setze mich an den Tisch. Sepp stellt eine Kanne Filterkaffe auf. Ein schwarzer Kater läuft mit erhobenem Schwanz freudig herbei, miaut, reibt sich zwischen meinen Beinen und schnurrt. Ich muss ihn streicheln.

Eisklettern am Mordor in Gastein
Mordor ist nicht Saurons Reich, sondern einer der schönsten und größten Eisfälle in Österreich.
Sepp Inhöger
Der schwarze Kater, der zuerst bei mir war, ist später bei Sepp neben dem warmen Kachelofen gelandet.

Weltweit als Hotspot bekannt

„Unser Gasteinertal ist eines der besten Eiskletter-Gebiete in Westösterreich“, schwärmt Sepp und gesellt sich zu mir. Der Mann scheint bescheiden, denn so viel steht fest: Das Tal ist ein Hotspot unter Eissportlern aller Welt. „Wegen der Höhenlage wird das Eis hier sehr kompakt, was gut fürs Klettern ist“, Hinter ihm blubbert und dampft der Kaffee: „Jetzt ist er fertig“, springt er auf und zeigt mir ein paar Bilder vom Mordor. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus: so schön, so hoch und beeindruckend.

Schwer ist das Eisklettern zwar nicht, aber: „Es ist eine Kopfsache, technisch wäre nicht viel dahinter“, gesteht Sepp. Die große Unbekannte stellt das Eis dar: Trotz Einteilung in drei Eisklassen, die sicheres und weniger sicheres Eis definiert, weiß man nie, ob es auch hält. „Jede Tour ist wie eine Erstbegehung.“ Vor mir sitzt ein Profi, ein staatlich geprüfter Bergführer, Tourenführer des Alpenvereins, ein erfahrener Eiskletterer – und dennoch: Auch er hatte einen Close Call: „Oben angekommen, ist der Eisfall unter mir kollabiert.“ Sepp lacht, als er mir das erzählt. Ich frage ihn, was er danach dachte. „Glück gehabt!“ Vater und Sohn schmunzeln verlegen. Eine unheimliche Pause füllt den Raum. Mir kommt sie lange vor.

Lust aufs Eis

Die Eiskletter-Community ist eher klein. Unter den Einheimischen im Gasteinertal ist die Dichte jedoch höher als anderswo. „Sobald das Eis fest genug ist, sind wir unterwegs“, erzählt Sepp und bekennt sich damit zu seiner Leidenschaft, die er mit seinem Freund Bernhard Steinacher gerne weiter gibt: „Auch die Normalos sollen wissen, wie cool unsere Sportart ist.“ So entstand die Idee eines Eiskletter-Events, das die zwei zunächst am Gasteiner Wasserfall haben wollten. Geworden ist es das Zentrum in Bad Gastein: Seit 2013 messen sich Eiskletterer auf der Kaiser-Franz-Josef-Straße 27 zwischen den Prunkbauten der Belle Époque. Kontrastreicher kann´s nicht sein. Sepp ist offenkundig der Eismann von Bad Gastein, denn er sorgt dafür, dass der Eisfall jedes Jahr steht. Wie das funktioniert? „Einfach Wasser von oben runter rinnen lassen und warten“, grinst er.

Das Gefühls-Ding Eisklettern

Der Inhöger ist einer der vielen Gasteiner, die etwas Besonderes können, sich nicht viel dabei denken und es noch weniger hinausposaunen. Ein Skilehrer aus Wien würde alle wissen lassen, was er ist, und wie gut er es kann. Für Sepp ist es normal, Alltag und ja, er scheint am Boden geblieben. Sein Leben gehört dem Sport, so sehr, dass er nur Teilzeit als Techniker für die Salzburg AG arbeitet, damit er sich als Bergführer seiner Leidenschaft widmen kann: Skitouren gehen, Bergsteigen, Eisklettern und er ist gut darin: Auf einem Foto, das er mir noch zeigt, gewinnt er gegen die Niederländerin Marianne van der Steen beim Urban Ice 2013. Sie war Holländische Meisterin im Eisklettern 2016 und ist 33 Jahre alt. Sepp ist 57. Viele Erstbegehungen von Eisfällen in Gastein gehören ihm: So auch der „Tripple A“ in der Alraunewand in Bad Gastein mit Kletterlegende Thomas Bubendorfer. Seine Lieblingsroute ist jedoch der Gasteiner Wasserfall. Als ich ihn frage, was Eisklettern für ihn bedeutet, meint er: „Es ist ein Abenteuer“. Was für ein Gefühl er damit verbindet? Er hält inne, steht auf und schaut zu seinem Sohn. „Seppi, sag du!“. Der alte Sepp geht ein paar Mal hin und her und weiß nicht so recht, was sagen. Ich darf in zwei glückliche Gesichter schauen. Es sind wohl tiefgehende Emotionen, welche Sepp und Seppi empfinden, die sich schwer in Worte fassen lassen. Das Gefühls-Ding.

Urban Ice 2013
Beim Urban Ice 2013 in Bad Gastein gewann Sepp Inhöger gegen die Holländische Meisterin Marianne van der Steen. Ich sag nur: Respekt.

 Fact Box Urban Ice 2018

  • Bewerb: Speed-Eisklettern im Head-to-Head-Modus senkrecht über eine Eiswand zwischen kaiserlichen Bauten der Belle Époque
  • Datum: 26.01.2018
  • Ort: Bad Gastein, Kaiser Franz Josef Straße 27
  • Höhe Eisfall: 35 Meter
  • Schnellst Zeit: unter 37 Sekunden
  • Idee: Sepp Inhöger und Bernhard Steinacher
  • Sepps Aufgabe: Eis machen, Organisation der Athleten
  • Athleten: Weltspitze der Eiskletterszene (Männer und Frauen gegeneinander)
  • Philosophie: kleines und feines Publikumsevent + Spaß für Spitzensportler
  • Eintritt: kostenlos

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